Lavalampe und Elefant
Ich seh den kauenden Elefanten vor mir und den indischen Jungen, der ihn füttert. Bananen und Zuckerrohr. Ich spüre den Dschungel, höre Vögel, Insekten und das Rauschen der Blätter, während die leuchtend orangen Blasen in meiner Lavalampe auf und ab steigen. Sie taucht mein ganzes Zimmer in warmes Licht.
»Liebevoll streicht der Junge dem Elefanten über den Rüssel«, liest meine Mama vor. So oder so ähnlich.
Es ist fast Mitternacht.
Ein paar Stunden früher hat das noch anders ausgesehen: Sieben Kapitel bis morgen – eine unmögliche Aufgabe für mich mit meinen zehn Jahren. Eine Schnecke kriecht schneller, als ich lesen kann. Jedes kleinste Geräusch zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. In welcher Zeile war ich grad?
Als meine Mama ihr verzweifeltes Mädchen sieht, bekommt sie Mitleid. Sie setzt sich an mein Bett und beginnt mit Vorlesen. Seite für Seite. Stundenlang.
Bis heute erinnern wir uns beide an diese Nacht.
Mit der Zeit bin ich etwas schneller geworden und hab die Bücher natürlich selber gelesen. Aber einfach? Einfach wurde es nie. Für Deutsch hab ich mehr gearbeitet als für jedes andere Fach. Irgendwas in mir wollteunbedingt. Wollte gut sein. Wollte sich ausdrücken können. Wollte es sich selbst beweisen.
Wenn du mir damals erzählt hättest, dass ich in meinen Zwanzigern drei Bücher schreiben werde?
»Vazell ma doch koan Schmafu!«
Ich weiß, wie es sich anfühlt, vor einem weißen Blatt Papier zu sitzen. Man hat einen Gedanken an der Angel, zieht ihn raus, und er ist so mickrig, dass man ihn gleich wieder ins Wasser zurückwirft.
Nicht gut genug. Blödsinn. Interessiert niemanden. Formulierung scheiße. Ich hab doch nix zu sagen!
Ich erzähl dir, wie ich es damals bei meinem ersten Buch geschafft habe, meine innere Kritikerin zu überlisten und ins Schreiben zu kommen:
Leg dir heute Abend Papier und Stift aufs Nachtkästchen. Wenn der Wecker morgen früh klingelt: kurz blinzeln, Stift schnappen, losschreiben. Im Bett.
So könnte das in deinem Kopf klingen:
Irgendwas schreiben.
Was mir gerade durch den Kopf geht.
Irgendwas denkt man doch immer.
Niemand wird es je lesen.
Innere Kritikerin schläft noch.
Döse selbst auch fast wieder ein.
Was hab ich geträumt?
Bettdecke kuschelig oder kratzig?
Dem Geräusch des Stifts lauschen.
Person neben mir schläft noch.
Warum hör ich immer Regen, wenn ich an Dschungel denke?
Bananen auf Einkaufsliste.
Elefant im Raum.
Das machst du 10 Minuten lang. Am besten stellst du dir einen Timer, sodass du dich in dieser Zeit ganz aufs Schreiben konzentrieren kannst.
Nicht absetzen. Nicht korrigieren. Nicht bewerten.
Der Stift bleibt immer in Bewegung.
Wie die orangen Blasen in meiner Lavalampe.
Damals bin ich etwa zwei Wochen lang mit diesem kleinen Schreibritual in den Tag gestartet. Und danach fiel mir das Schreiben auch tagsüber viel leichter.
Ehrlich, ich möchte, dass du das morgen früh ausprobierst!
Komplett egal, wie die Seite am Schluss aussieht. Du musst damit keinen Preis gewinnen. Zehn Minuten. Nicht mehr.
Los geht’s!
Herzliche Grüße
Clara