Oranger Faden

Mädchen mit oranger Kappe am Eisessen

Es ist viertel vor acht und wie jeden Morgen pflück ich auf dem Schulweg beim Vorbeilaufen noch schnell eine Margerite und steck sie mir hinters Ohr. Das perfekte Accessoire zu meinem Hippie-Outfit und meinen barfußen Füßen. Ich will die Erde unter mir spüren (meistens leider nur den Asphalt) und hör die Beatles in Endlosschleife auf meinem neuen iPod. Die Klänge der Sitar auf Rubber Soul und Revolver beamen mich in eine andere Welt. 

Diese andere Welt gibt’s auch – recht versteckt – in dem kleinen Geschäft in der Anton-Schneiderstraße in Bregenz. Atmosphärisch dunkel, indische Musik, Räucherstäbchen und eine Auswahl an alternativen Kleidungsstücken. Ich entscheide mich für eine weite, kurze Hose in Orange mit Stickereien drauf, dazu ein blaues Top. 

Ich hatte keine Angst vor dem Anders-Sein. Und im Nachhinein bin ich beeindruckt und dankbar, dass ich einfach machen durfte. Auch in meiner Klasse waren bunte Vögel willkommen. Es gab keinen Zwang, gab nicht die eine Jeans-Marke, die man tragen musste. Wir waren in vielem so frei, durften uns ausprobieren. Kleidung als Experimentierfeld.

Als ich dann später als Tischlerin in staubiger Arbeitshose und Oversize-Pulli gearbeitet hab, konnte ich es kaum erwarten, mich am Wochenende extravagant in Schale zu werfen und alle Blicke auf mich zu ziehen. Pink glänzende Bomber-Jacke, Plateauschuhe, knalliger Lippenstift. Eine Kunstfigur erschaffen, so wie Lady Gaga oder Ziggy Stardust. Ganz ich selber sein und gleichzeitig den zarten Teil in mir schützen. Ein Spiel mit Verletzlichkeit.

Mein Kleiderschrank beherbergt bis heute noch einige meiner vergangenen Ichs und die ein oder andere Erinnerung: Da ist der Seidenmantel, den ich in Chinatown in San Francisco gekauft hab und meine schwere Second-Hand-Lederjacke, die mich stark und geerdet fühlen lässt. Und da sind weiche Kaschmir-Pullis und handgestrickte Socken für Tage, an denen ich mich nur einkuscheln will. 

Wenn ich mein ganzes Leben aber auf ein einziges Kleidungsstück runterkürzen müsste, dann wäre es … meine Schildkappe. Orange mit gelb, blau, grünem Muster. Denn wenn ich mein Fotoalbum durchblättere, ist sie der orange Faden, der sich durch meine Kindheit zieht. Egal ob Latzhose oder nobles Kleid an Weihnachten – meine Kappe fehlt nie. Sie war das Erste, was ich am Morgen angezogen hab und das, was mich am Abend bis ins Bett begleitet hat. Umso schlimmer war es für mich, dass es im Kindi den einen Jungen gab, der mir ständig meine Kappe vom Kopf runtergerissen hat und damit weggelaufen ist. Er schallend lachend, ich tränenüberströmt.
»Wenn du ständig weinst, hast du irgendwann keine Tränen mehr im Körper«, erklärt meine Kindergartentante knallhart. Definitiv einer der Gründe, warum ich eines Tages beschlossen hab, nicht mehr dort hinzugehen.

Bis heute mag ich dieses Gefühl, etwas auf dem Kopf zu haben. Die Wärme, der Schutz, die Coolness.
Ja, ich mag dieses Gefühl sogar sehr.
Be-hütet.

Schreib über ein Kleidungsstück. 
Was ist es bei dir, das dich unwiderstehlich, cool oder einfach pudelwohl fühlen lässt? 
Welches Kleidungsstück begleitet dich seit Ewigkeiten und erzählt Geschichten? 
Welches hast du so sehr geliebt, dass du es nicht mehr ausziehen wolltest? 
Womit konnte man dich jagen? Kratzige Wollunterhosen?
Wie fühlt es sich auf der Haut an? 
Welche Version deiner Selbst bist du, wenn du es trägst?
Schreib über riesige Daunenjacken, selbstgenähte Ballkleider und etwas, das du vor deinen Eltern geheim gehalten hast. 
Und, schreib über Schildkappen.

Nimm dir wieder zehn Minuten. Und wenn du danach im Flow bist, schreib einfach weiter. 

Herzliche Grüße
Clara

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Lavalampe und Elefant