Der Vogel singt wieder
Sachte streifen meine Finger über die unzähligen Buchrücken, die da nebeneinander stehen. Meine Cousine hatte ein ganzes Bücherzimmer – fast so, wie man es aus Filmen von englischen Lords kennt. Ich, damals vielleicht zwölf Jahre alt.
Dick und dünn, groß und klein, Leineneinband und Papierumschlag … Bei einem Buch bleib ich hängen und nehme es raus, betrachte es. Die Illustration auf dem Cover: Ein kleines barfüßiges Mädchen in ihren geflickten Kleidern, das einer Schildkröte folgt.
Orange und weiß, die Farben etwas vergilbt, der Umschlag leicht eingerissen. Beim Anfassen merk ich, wie oft schon darin geblättert worden war. Es hat dir wohl auch was bedeutet.
MOMO.
Das Lesen fiel mir nie leicht, aber dieses Buch hat mich in seinen Bann gezogen. Und eine Stelle hat mich damals besonders beeindruckt: Momo hat eine besondere Gabe – das Zuhören.
Wenn sie zuhört, finden Ratlose plötzlich ihre eigene Meinung, Unglückliche ihre Zuversicht, und Menschen, die ihr Leben für unbedeutend halten, entdecken im Erzählen ihren eigenen Wert.¹
Sogar ein Vogel, der seit Monaten keinen Laut mehr von sich gibt, beginnt plötzlich wieder zu singen, als Momo seiner Stille lauscht. „Ich glaub, man muss ihm zuhören, auch wenn er nicht singt“², sagt sie.
Wahrscheinlich hab ich damals durch dieses Buch verstanden, dass richtiges Zuhören eine Qualität ist. Und zwar eine, die ich für mich verfolgen möchte.
Wer meine Briefe liest, könnte meinen, ich hätte ein großes Sendungsbewusstsein. Doch eigentlich, wenn ich ehrlich bin, liegt mir das Zuhören mehr. Besonders, wenn Menschen etwas Ehrliches aus ihrem Leben erzählen. Wenn plötzlich eine Begebenheit auftaucht, an die sie schon lang nicht mehr gedacht haben. Und dann: ein herzliches Lachen, ein Tränchen oder ein Schmunzeln. Ach!
Mittlerweile weiß ich: Fast alles, was ich tue, beginnt damit. Ob ich mit jemandem ein Erinnerungsbuch gestalte, einen Erinnerungskreis leite oder einfach mit Freunden am Küchentisch sitze. Raum geben, Aufmerksamkeit schenken, zuhören.
Was mich interessieren würde: Gibt es ein Buch, das dich beeinflusst hat? Das dir vielleicht eine Erkenntnis gebracht, dich berührt, oder dein Leben sogar in eine neue Richtung gelenkt hat?
Ich freu mich, von dir zu hören.
Herzliche Grüße
Clara
PS: Und wenn du dir ein zuhörendes Gegenüber wünscht, weißt du, wo du mich findest.
¹ Vgl. Ende, Michael: Momo [oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte, Ein Märchen-Roman], Stuttgart: Thienemann-Esslinger Verlag GmbH 2013, S. 16-17.
² Momo, Regie: Johannes Schaaf, BRD/Italien 1986.