Noch einmal mit dir am Tisch sitzen
Ich war sieben, als die Regentropfen an einem Nachmittag im Februar plötzlich zu Schneeflocken wurden. Ein Gruß von Irmgard-Oma, die Minuten vorher ihr Dasein auf der Erde hinter sich gelassen hatte?
Als älteste von sieben Enkelkindern bin ich die einzige, die zumindest noch schemenhaft ein paar Erinnerungen an sie hat: Auf dem Bild oben hält sie mich nach meiner Taufe im Arm. Sie, die große Frau, blonde Haare und ein türkiser Hosenanzug. Ich erinnere mich daran, wie sie am Sonntag Mittag in der Küche stand und für alle Wienerschnitzel mit Pommes aus der Fritteuse aufgetischt hat, dazu Cola. An ihre Großzügigkeit und die vielen Geschenke unterm Christbaum. Und später dann die Perücke nach ihrer Chemo.
Den Rest kenne ich aus Erzählungen: Dass sie als junge Frau alleine vom Tirol nach Vorarlberg gekommen war – weg von den engen Bergen an den See. Dass sie die Starke war: Drei Kinder großgezogen, ein Café geschmissen, und ihr unternehmerisches Talent, abbruchreife Häuser zu kaufen und daraus Geld zu machen. Ihre sensible Seite kannten wohl nur wenige.
Wenn ich wollte, ließen sich wahrscheinlich noch ein paar Zahlen und Fakten über sie herausfinden. Aber das ist es gar nicht, was mich interessiert.
Vielmehr denk ich mir manchmal: Wie würde es sich anfühlen, mit ihr heute am Tisch zu sitzen. Was würde sie mir erzählen – von Frau zu Frau? Fände ich ihren Humor lustig? Was wären ihre Gedanken, ihre Worte, ihre Perspektive aufs Leben? Das lässt sich wohl nicht mehr nachholen. Aber vielleicht sind irgendwann wir selbst genau dieser Mensch, von dem andere gerne mehr gewusst hätten. Deren Erzählung anderen einmal etwas bedeuten würde.